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Mit der Vorstellung ohne Kraft
– ein wichtiges Taijiquan-Prinzip
Wegen seiner Übungsmethode mit „Yi“ (Vorstellung) wird Taijiquan als Neijiaquan (innere Kampfkunst) bezeichnet. Was bedeutet Yi? Wie kann man Yi anwenden? Warum sollte man Yi benutzen? Solche Fragen werden oft in China diskutiert. Nach mehreren Jahren Training ist man immer noch genug mit den Genauigkeiten des Formablaufs beschäftigt. Man spürt, dass es irgendwas fehlt. Aus diesem Grund haben sich manche von Taijiquan abgewendet. Das ist schade. Man sagt, dass Taijiquan Meditation in Bewegung ist. Nur der Ablauf der Form ohne den dazugehörenden Inhalt ist wie eine leere Schale. Man kann sagen, beim Taijiquan-Training ohne Yi handelt es sich nur um eine langsame Gymnastik.
Im Westen haben die meisten Praktizierenden bestimmt seit Jahren im Laufe ihrer Taiji-Übungspraxis immer wieder den Grundsatz gehört, dass man beim Taijiquan-Training mit Yi (d.h. der Vorstellungskraft), ohne den übermäßigen Einsatz von Li (d.h. der körperlichen Kraft) üben sollte.
In den klassischen Texten des Taijiquan wird das Üben mit Yi, ohne dabei überschüssige körperliche Kraft zu gebrauchen, an vielen Stellen betont. (die nachfolgenden Beispiele stammen aus dem Buch von Jürgen Licht).
„All dies hat mit klar gerichteter Absicht und Aufmerksamkeit (Yi) zu tun.“
„Dem steten Wechsel zwischen leer und voll schenke deine Aufmerksamkeit (Yi).“
„Von Stellung zu Stellung bewege dich ganz bewusst – benutze dabei die innere Vorstellungskraft (Yi), dann erreichst du alles – ganz ohne Mühe aufzuwenden.“
„Prüfe eingehend, ob du Yi anwendest!“
„Auch wenn Jin abbricht, ist die Vorstellungskraft (Yi) ungebrochen.“
Die Bedeutung des Yi
Im „Chinesischen Buch der Schriftzeichen“ steht die Erklärung von „Yi“: Idee; Gedanke; Vorstellung. In dem Buch von Jürgen Licht „Sieben Schätze des Taijiquan“ wird der chinesische Begriff „Yi“ wie nachfolgend beschrieben erklärt. „Yi: Intention, Imagination, Vorstellungskraft, innere Aufmerksamkeit, Achtsamkeit – all dies sind mögliche Übersetzungen des Begriffs Yi, der in westlichen Sprachen keine genaue Entsprechung hat. Yi ist der absichtsvolle Teil des Bewusstseins und bildet somit einen Teilaspekt von Xin (Herz).“
Yi im Taijiquan beschreibt die innere Methode während des Taijiquan-Trainings. In China nennt man das auch die „Xinfa“(Herzmethode). D. h. wir sollten beim Üben bestimmtes, d.h. absichtsvolles Yi einbauen, damit wir ein bestimmtes Ziel erreichen können. Xinfa steht gegenüber den äußeren Bewegungen, der Haltung, etc. In China lautet ein Sprichwort: „ Man darf die Form unterrichten, ohne die Xinfa zu zeigen, sonst schlägt der Schüler den Lehrer nieder“. Dieses Sprichwort macht deutlich, wie wichtig das Yi ist. Die äußeren Formen kann man jederzeit weiterentwickeln. Aber wenn die Xinfa einmal verloren gegangen ist, bekommt man sie nie wieder. Das ist der chinesische Kulturschatz.
Yang Chengfu (1883 – 1936) hat in einem Artikel über die zehn Punkte des Taijiquan den Sachverhalt wie folgt beschrieben:
„Mit Yi ohne Li: Beim Taijiquan –Training sollte man sich körperlich entspannen statt die ungeschickte körperliche Kraft (Zhuojin) zu benutzen. Zhuojin führt zu Blockaden im Blut, in den Meridianen, Sehnen und Knochen und dadurch fesselt man sich selber. Durch die Methode der körperlichen Entspannung kann man langsam Geschicklichkeit und die Fähigkeit zur Umwandlung erwerben. Manche haben Zweifel daran, wie man Kraft erwerben kann ohne den Einsatz muskulärer Kraft. Der Grund hierfür ist: als Menschen haben wir Meridiane, vergleichbar mit Flüssen auf der Erde. Sind diese nicht blockiert, fließt das Wasser frei im Strom durch die Kanäle; ohne Blockade fließt das Qi ebenso frei durch die Meridiane. Wenn man starre, rohe Kraft verwendet, werden die Meridiane und damit der freie Energiefluss blockiert, man ist steif und der ganze Körper wird unbeweglich. Ohne Li, d.h. stattdessen mit Yi, der reinen Vorstellungskraft zu üben erzeugt das Gegenteil. Wenn sich Yi entfaltet, dann entfaltet sich das Qi. Übt man auf diese Art und Weise fließen das Qi und das Blut im Körper ohne Blockaden. Allmählich entwickelt man wahrhaftige innere Kraft. Exakt nach dem Prinzip in den klassischen Texten über Taijiquan - zuerst extrem weich und dann stark-. Gute Taijiquan-Übende besitzen Arme wie aus in Baumwolle gehülltes Eisen und die Arme sind sehr schwer.“
Die Übungsmethode des Yi
Die Yi-Trainingsmethode unterscheidet sich von Schule zu Schule. Wie kann man die inneren Methoden des Yi trainieren? Es hängt sehr stark mit dem eigenen Weg zusammen. Wir trainieren Taijiquan normalerweise aus drei Gründen: Gesundheitspflege, Spaß und Kampfkunst. Die Übungsmethode des Yi sollte auch diesen drei Gründen folgen. Ich habe einige der häufigsten Methoden zusammengestellt und nachfolgend aufgelistet. Sie sind nicht alles. Ein chinesisches Sprichwort lautet in diesem Sinne: „man wirft einen Stein, um einen Jadestein zu bekommen“.
Ich versuche, mit ein paar hingeworfenen Bemerkungen eine fruchtbare Diskussion anzuregen.
1. Entspannung-Yi. Entspannung heißt auf chinesisch „Song“. Während des Trainings fällt es Anfängern sehr schwer, bis ihr neuro-muskuläres System gelernt hat, sich zu entspannen und bis körperliche Blockaden im energetischen System gelöst wurden. Am Beginn der Übungspraxis ist es wichtig, zuerst verstehen zu lernen, was der Begriff „Song“ (Entspannung) beim Üben des Taijiquan bedeutet. Song ist jedoch keinesfalls gleichzusetzen mit Xie (Schlaffheit). Song zu beherrschen ist eine Kunst, mit der eigenen Kraft richtig, d.h. ökonomisch, umzugehen.
Wir können uns vorstellen, dass wir im Wasser Taijiquan ausführen. Das Wasser trägt unseren Körper und wir haben keine Anstrengung, die Arme und die Beine zu bewegen.
2. Yi wie vorüberziehende Wolken. Wir haben oft gehört, dass die Bewegung des Taijiquan wie das fließende Wasser und die vorüberziehenden Wolken ausgeführt werden sollen. „Bei den Bewegungen des Taijiquan sollte man sich so bewegen, wie wenn man ein Seidenfaden aus dem Kokon zieht. Wir stellen uns vor, dass wir durch die ganze Form, vom Anfang bis zum Ende, die Hände so bewegen, als würden wir einen Faden vom Anfang bis zum Ende des Formablaufs produzieren.
3. Yi im Wasser. Man sagt oft: „Taijiquan ist Schwimmen in der Luft“ Wir sollten uns vorstellen, dass wir im Wasser stehen und Taijiquan durchführen. Allmählich spüren wir den Widerstand mit der Umgebung unseres Körpers. Es hilft uns sehr, dass wir langsam und behutsam die innere Kraft aufbauen.
4. Yi mit dem aufrechten Körper. Wir stellen uns vor, dass wir den Körper gerade halten. Eine Linie zwischen beiden Schultern und eine andere Linie zwischen dem Kopf und dem Boden bilden ein Kreuz. Dieses Kreuz sollte normalerweise senkrecht sein. Wir stellen uns vor, dass wir vier Kreise hätten: ein Kreis ist um den Schultern, einer um den Gürtel und ein weiterer um der Hüfte; der 4. umkreist die drei anderen Kreise. Der Schulterkreis ist zuständig für die Balance; der Gürtelkreis ist zuständig für die Drehung und der Hüftkreis ist zuständig für die Beinbewegung.
5. Yi mit leer und voll. Wir sollten immer zwischen leer und voll wechseln. Das hilft uns sehr viel, ein lebendiges Taijiquan zu trainieren. Man sagt oft: Nach mehreren Jahren versteht man immer noch nicht Yin und Yang (Leer und voll).
Beim Formtraining müssen wir immer auf den Wechsel von leer und voll zwischen beiden Händen und beiden Füßen achten. Wir stellen uns vor, dass die linke Hand sich auf einem Ball im Wasser befände, wenn die linke Hand leer ist; wenn der rechte Fuß leer ist, steht der rechte Fuß in unserer Vorstellung auf einer dünnen Eisfläche. Wir stellen uns vor, dass die linke Hand eine gute Verbindung mit den Beinen, Hüfte und Kreuz hat, so dass wir einen Berg wegschieben könnten, wenn die linke Hand voll ist. Wenn der linke Fuß voll ist, hat er bspw. tiefe Wurzeln in der Erde, so dass man ihn nicht wegschieben kann.
6. Yi mit Öffnen und Schließen. Es handelt sich um eine Vorstellungsarbeit mit dem sog. Öffnen und Schließen des ganzen Körpers. Der gesamte Ablauf der Taijiquanform hat immer die Elemente Öffnen und Schließen in sich. Zuerst übt man das Öffnen, dann Schließen; nach dem Schließen dann öffnet man den Körper wieder. Danach sollte man so üben, dass beim Öffnen auch Schließen dabei ist und umgekehrt auch.
Beim Training stellen wir uns vor, dass alle Gelenke und Muskeln bei der Öffnen-Bewegung geöffnet sind und beim Schließen geschlossen sind. Der berühmte Taijiquan Großmeister Yang Yuting sagte, „beim Öffnen kommt die Kraft von den Fingern bis zu den Füßen und beim Schließen geht die Kraft von den Füßen bis zu den Fingern.“. Wir können auch eine imaginäre Feder zwischen Hand und Rücken einbauen. Beim Öffnen ziehen wir die Feder auseinander und beim Schließen drücken wir sie zusammen.
7. Yi mit Spiralbewegungen. Hierbei handelt sich um die Vorstellungsarbeit mit dem Körper. Beim Taijiquan-Training bewegen wir die Finger, Hände, Arme, Beine und den Rumpf in Spiralform. Bei den spiralförmigen Bewegungen handelt es sich um nichts anderes als nach außen und innen zu drehen. Die Vorstellungsarbeit hilft enorm beim Taijiquan, um die klebende und elastische Kraft zu entwickeln. Beim Üben sollten wir noch die Vorstellung von Entspannung und Anspannung mit einbauen. Man wechselt dann beim Üben durch die Spiralbewegung jeweils von der Entspannung bis zur Anspannung und von der Anspannung bis zur Entspannung. Hier bedeuten die Entspannung und Anspannung den Inhalt von Yi.
8. Yi mit der Atmung. Die Vorstellungsarbeit zielt hierbei auf Koordination zwischen der Atmung und der Körperbewegung ab. Als Anfänger sollte man während Übung mit natürlichem Atemfluss üben und später kann man die Bewegung dann mit der Atmung koordinieren. Normalerweise atmet man beim Öffnen ein und beim Schließen atmet man aus. Allmählich hilft dann das Atmen beim inneren Kraftbau. Später beim Fajin kann man die Kraft mit dem Atem zusammen explodieren lassen.
Was bedeutet „mit Yi ohne Li zu üben“ in der konkreten Anwendung?
Alle Bewegungen brauchen die für genau diese Bewegungsausführung notwendigen Muskeln, um die Intention der Bewegung durch das Gehirn zu verwirklichen. Ohne den Einsatz eines gewissen Maßes an muskulärer Kraft bleibt Yi nur eine Phantasieübung des Geistes, vergleichbar mit dem Träumen. Dies wäre eine Fehlinterpretation der klassischen Texte und führt ebenso wie das Gegenteil zu keinen brauchbaren Ergebnissen. Mit Yi ohne Li zu üben bedeutet vielmehr, dass wir gerade noch so viel Kraft benutzen wie es notwendig ist, um die Bewegung auszuführen oder auch um eine statische Position zu halten. In wirtschaftswissenschaftlichen Begriffen ausgedrückt: man arbeitet nach dem Minimalprinzip, d.h. mit möglichst geringem Einsatz (hier an körperlicher Kraft) soll das höchstmögliche Ergebnis erzielt werden. Dies ist ein Grundgesetz jeglichen Wirtschaftens und kann direkt auf die körperliche Übungspraxis angewendet werden um die eigenen körperlichen Ressourcen des Qi nicht nur zu schonen, sondern darüber hinaus zu vermehren.
Am Beginn der Übungspraxis ist es allerdings wichtig, zuerst verstehen zu lernen, was der Begriff „Song“ (Entspannung) beim Üben des Taijiquan bedeutet. Song ist wie gesagt nicht mit Xie (Schlaffheit) gleichzusetzen. Beispielweise wenn wir die Arme heben und sinken. Wie viel kraft brauchen wir? Nicht zu viel und nicht zu wenig! Song zu beherrschen ist eine Kunst, mit der eigenen Kraft richtig umzugehen.
Mit Yi ohne exzessive Muskelkraft, das ist die innere Kraft! Es ist die Mischung zwischen Yi, Qi und Li.
Wie das Sprichwort lautet: Yi bringt Qi und Qi bringt Li. Anders formuliert: der Geist lenkt das Qi, dieses wiederum lenkt die körperliche Kraft.
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